Bildmaterial und Gesprächstermine auf Anfrage (Ansprechpartner im Email-Fuß)
BRAIN + MIND
Prof. Henrike Moll (USA) erforscht mit Partnern der Universitäten Oldenburg und Bremen die Ursprünge sozialen Lernens beim Menschen. Kultur kann sich nur bei Spezies entwickeln, die in der Lage sind, ihr Wissen miteinander zu teilen. Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie, Primatologie und evolutionärer Anthropologie legen nahe, dass der Mensch die einzige Spezies dieser Art ist. Bereits Kleinkinder lernen partnerschaftlich. Prof. Moll trägt am HWK Forschungsergebnisse aus den genannten Disziplinen zusammen und führt experimentelle und beobachtende Studien zur Sozialität von Kindern in Lernkontexten durch. Von der interdisziplinären Verbindung von Arbeitsergebnissen erwartet Prof. Moll neue Erkenntnisse darüber, wie Kinder von und mit ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen lernen.
Prof. Ryan Nichols (USA) fragt mit Partnern der Universität Oldenburg danach, welche Merkmale maßgeblich dazu beigetragen haben, China zu dem zu machen, was es heute ist. Er beabsichtigt, ein evidenzbasiertes Verständnis der ursächlichen Ursprünge kultureller und nicht-kultureller Charakteristika zu erarbeiten, welche die chinesische Gesellschaft prägen. Dies geschieht im Rahmen des dualen Erbe-Erklärungsparadigmas, in dem Natur und Kultur im Laufe der Zeit bidirektional interagieren. Dazu arbeitet Prof. Nichols mit Experten u.a. aus Religion, Datenwissenschaft, Psychologie, Mathematik und Genetik zusammen. Am HWK möchte er ein Buch über die Quellen der chinesischen Identität vorantreiben.
Dr. Nasrin Shahedifar (Iran) erforscht die neuropsychologischen Folgen von traumatischen Hirnverletzungen (TBI) hinsichtlich der Fähigkeit Betroffener, ein Fahrzeug zu steuern. Jedes Jahr erleiden mehr als 60 Mio. Menschen TBI-Verletzungen. Arztbesuche decken Probleme mit potentiellen Folgen für das Autofahren -- eine Tätigkeit, die kontinuierliche, gleichzeitige Gehirnleistungen wie Konzentration, Urteilsvermögen und die Koordination von Augen und Händen erfordert -- nicht immer auf. Dr. Shahedifar untersucht das Fahrverhalten von TBI-Betroffenen in einem Fahrsimulator und misst geteilte Aufmerksamkeit, Reaktionszeit und Verhalten zur Kollisionsvermeidung. Sie verspricht sich davon Unterstützung für Ärzte, die Fahrfähigkeiten ihrer Patienten zu beurteilen.
Vertr.-Prof. Alfredo Vernazzani (Deutschland) untersucht, wie sich die Ästhetik urbaner Umgebungen auf unser Wohlbefinden auswirkt. Diese Frage hat in der Literatur zu Kognitionswissenschaft und Philosophie bislang wenig Beachtung gefunden. Dennoch gibt es in der experimentellen Psychologie immer mehr Belege dafür, dass städtische Geräusche, Gerüche und Eindrücke einen Einfluss auf unsere Lebensqualität haben. In seinem Projekt möchte Prof. Vernazzani einen systematischen Rahmen entwickeln, derartige Fragen zu untersuchen. Es integriert dazu Erkenntnisse aus Philosophie, Psychologie und Neurowissenschaften.
EARTH
Prof. Dr. Carlos Eduardo de Rezende (Brasilien) erforscht mit Partnern der Universität Oldenburg, der Constructor University und des Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung Bremen die Funktion von Mangrovenwäldern als Senken und Quellen für organische Substanzen (OM) und als Schadstoffbarrieren. Die Biogeochemie von Quecksilber (Hg), gelösten organischen Stoffen und Ruß in Mangroven und Flussmündungen steht dabei im Vordergrund. Dr. de Rezende studiert das Amazonas-Mündungsgebiet und die Mangroven im Nord- und Südbrasilien, um die Hypothese zu prüfen, dass Kreislauf und Quellen von durch Verbrennung entstandener OM und Hg miteinander verbunden sind. So will er die Auswirkungen menschengemachter Schadstoffe auf diese Ökosysteme besser quantifizieren können.
Prof. Dr. Timothy Shaw (USA) erforscht mit Partnern der Universität Oldenburg die Rolle des biogenen Kohlenstoffkreislaufs bei der Erderwärmung. Dieser Teil des globalen CO2-Austauschs zwischen Erde und Atmosphäre ist erheblich größer als jener aus fossiler Verbrennung. Kleine Veränderungen in den Prozessen, die CO2-Aufnahme und -Freisetzung vermitteln, sind für die Vorhersage des Klimawandels von großer Bedeutung. Prof. Shaw interessiert sich für den Austausch von biogenem Kohlenstoff (als gelöste organische Substanz, DOM) zwischen Land und Ozeanen. Er untersucht die chemischen Reaktionen, die an der Schnittstelle zwischen Land und Meer (Strandlinie) stattfinden und bestimmen, ob DOM im Boden gebunden oder remineralisiert als CO2 in die Atmosphäre zurückgeführt wird.
Prof. Andreas Teske (USA) forscht mit Partnern der Universitäten Oldenburg und Bremen und dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie zur Rolle fossilen Kohlenstoffs bei der Entwicklung von mikrobiellen Ökosystemen, die auf ungewöhnliche Kohlenstoffquellen angewiesen sind. Prof. Teske untersucht den mikrobiellen Kreislauf von fossilem Kohlenstoff in einem öl- und gasreichen Standort, an dem Mikroorganismen bei hohen Temperaturen gedeihen: dem hydrothermal aktiven Guaymas-Becken (Mexiko). Nachdem er bereits Proben von heißen Quellen entnommen und tiefe Sedimente und Vulkangestein unter dem Meeresboden untersucht hat, konzentriert sich Dr. Teske nun auf Zusammenhänge zwischen Mikroben im Untergrund und ihrer Umgebung und die Grenzen zwischen biologischen und nicht-biologischen Prozessen.
TECHNOLOGY + SCIENCE
Dr. Yusuf Cati (Türkei) untersucht neue Möglichkeiten der Vorhersage des thermischen Verhaltens und Verschleißes von Bremsbelägen für Eisenbahnen. Dr. Cati beabsichtigt, ein neuartiges multiphysikalisches Analysemodell zu entwickeln, das Bremsenprüfstand- und Pin-on-Disk-Tests integriert, um thermische Belastungen und Verschleißmuster über längere Bremszeiten hinweg genauer vorhersagen können. Durch die Validierung und Kalibrierung des Modells anhand experimenteller Daten will er Einblicke in die Haltbarkeit und Leistung von Bremsmaterialien gewinnen. Von seinem Projekt erhofft er sich Erkenntnisse für die Entwicklung von Bremssystemen, welche die Fahrzeugsicherheit erhöhen und die Umweltbelastung verringern.
Dr. Sudeshna Chandra (Indien) erforscht mit der Universität Oldenburg die Bedeutung von Nanomaterialien für leistungsfähigere Batteriesysteme. Obwohl die Forschung in diesem Bereich in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat, steht die Kommerzialisierung noch aus. Um den Mechanismus zu verstehen, welcher elektrochemischer Speicheraktivität zugrunde liegt, ist ein gründliches Verständnis der Änderungen des Oxidationszustands der Metalle und der damit verbundenen Ladungsstrukturen mit spezifischen Gegenionen erforderlich. Am HWK erprobt Dr. Chandra ein neues Nanokomposit aus Zinksulfid und Kupfersulfid als Elektrodenmaterial und setzt dazu elektrochemische Rastermikroskopie (SECM) ein.
Dr. Andrew Whelan (Australien) forscht zu den Folgen des umfassenden gesellschaftlichen Einsatzes von Algorithmen in der Entscheidungsfindung. Algorithmen bestimmen heute Kreditwürdigkeit, liefern Diagnosen, legen Preise und Vergütungssätze fest, prüfen Bewerber und sagen Straftaten voraus. Dr. Whelan zeichnet die Geschichte des Algorithmus nach und stellt sie der Nutzung einfacher Flussdiagramme gegenüber. Durch scheinbar automatische Lösung lokaler Probleme schaffen Algorithmen paradoxerweise neue Herausforderungen. Dr. Whelan will eine historische Grundlage für die Beurteilung jener Bedenken schaffen, die Menschen heute gegenüber Algorithmen äußern, u.a. indem er zeigt, wie kritische Kommentare eine lange Tradition der Kritik an administrativer Delegation an Medientechnologien widerspiegeln.
SOCIETY
Prof. Heike Paul (Deutschland) erforscht mit Partnern an den Universitäten Oldenburg und Bremen Darstellungen von Praktiken des Verzichts in der kulturellen Vorstellungswelt der USA und, im weiteren Sinne, des Westens. Verzicht ist zu einem Schlüsselbegriff in öffentlichen Debatten über die Zukunft des Planeten geworden, wobei optimistische Visionen skeptische Reaktionen und kritische Forderungen nach grundlegenden Veränderungen meist übertönen. Dies gilt insbesondere für die USA, wo Verzicht gewöhnlich als „unamerikanisch” stigmatisiert wird. Prof. Paul untersucht Medienrepräsentationen von Szenarien des Verzichts vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart im Hinblick auf ihre politischen Implikationen und ästhetischen Programme, um die sich wandelnden kulturellen Formen und Funktionen des Verzichts zu typisieren.
Prof. Barbara Risman (USA) untersucht das gesellschaftliche Phänomen der vollständigen Ablehnung von Geschlechterkategorien in westlichen Industrieländern. In vielen dieser Länder können Menschen heute in offiziellen Dokumenten anstelle von „männlich” oder „weiblich” die Kategorie „X” wählen. „X” bedeutet, dass sich eine Person weder als Mann noch als Frau identifiziert. Die Zahl der Menschen, die sich als nicht-binär identifizieren, wächst. Um diesen sozialen Wandel zu verstehen, untersucht Prof. Risman Geschlecht als eine dynamische und sich verändernde soziale Struktur der Ungleichheit, die sich mit anderen Strukturen überschneidet. Am HWK will sie ermitteln, inwieweit die Erfahrungen nicht-binärer Menschen in verschiedenen Ländern ähnlich oder unterschiedlich sind.
Prof. Naomi Waltham-Smith (Großbritannien) erforscht die Hypothese, dass die heutige globale politische Lage mit ihren Bedrohungen für die repräsentative Demokratie als Krise des Zuhörens verstanden werden kann. Sie geht von der Beobachtung aus, dass Politiker oft dazu angehalten werden, den Bürgern zuzuhören, und dafür kritisiert werden, wenn sie dies nicht tun. Wem sollten sie zuhören, wann und zu welchem Zweck? Dient Zuhören Anerkennung, Empathie, oder Unterwürfigkeit? Anhand von unveröffentlichtem Archivmaterial untersucht Prof. Waltham-Smith, wie sich das Konzept des Zuhörens in der europäischen politischen Philosophie sowie in dekolonialen und schwarzen radikalen Theorien und aktivistischen Praktiken herausgebildet hat.
Assoc. Prof. Ferruh Yilmaz (USA) untersucht, warum und wie Menschen für den Ausdruck ihres politischen Missfallens und ihrer Ängste die populistische extreme Rechte unterstützen. Er geht dabei der Hypothese nach, dass die extreme Rechte mittels moralischem Alarmismus und kulturellem Reizthemen Kapital zu schlagen vermag, z.B. Einwanderung und Kriminalität. Diese Panikmache spielt mit Ängsten vor moralischem und kulturellem Verfall und rückt so kulturelle und moralische Werte als Bedingungen der gesellschaftlichen Einheit oder Spaltung in den Fokus. Damit ist eine breite Kritik an Eliten verbunden, die eher durch diesbezügliche Eigenschaften als durch Klassenstatus charakterisiert werden. Prof. Yilmaz untersucht zudem die kulturellen Ressourcen, die populistische Appelle der extremen Rechten attraktiv erscheinen lassen.
ARTS + LITERATURE
Assoc. Prof. Bruno Moreschi (Italien) erforscht mit Partnern von der Bremer Hochschule für Künste neue Methoden zur Verknüpfung von Metadaten in Trainingsbildern für die KI-Systeme. Er greift dabei auf die Idee der „Entmaterialisierung der Kunst” aus den 1960er Jahren zurück, bei der Kunst über Objekte hinausging und zu einem Werkzeug wurde, um Computersysteme zu infiltrieren. Er konzentriert sich auf das Testen neuer Methoden für das KI-Training, z. B. durch Bild-Tagging, Decanonization oder „What If…?”-Tagging. Am HWK möchte Dr. Moreschi diese Methoden umsetzen und seine Modelle verfeinern und validieren. Sein Ziel ist die Entwicklung eines theoretischen Rahmens, der Entwurf eines Artikels und die Präsentation dieser KI-Tagging-Methoden in einer Kunstausstellung.
Ansprechpartner für die Presse
Hr. Bijan Kafi (Email)
Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Hanse-Wissenschaftskolleg (Institute for Advanced Study)