Vom Erhalt karibischer Korallenriffe über neue Batterietechnologien bis zur Intelligenz der Tiere: 16 neue Fellows kommen ans Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK)

16 neue Fellows aus 10 Ländern kommen für je 3-10 Monate ans HWK nach Delmenhorst. Sie forschen unter anderem an neuen Werkstoffen für Batterien der Zukunft, die Bedingungen für eine Erneuerung karibischer Korallenriffe und philosophische Einsichten in die Intelligenz der Tiere. Das HWK ermöglicht ihnen die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungsinstituten in der Nordwestregion. Ein Writer in Residence arbeitet an einem Buch über den gesellschaftlichen Umgang mit Wertkonflikten, wie sie im Kampf gegen den Klimawandel entstehen.

Bildmaterial und Gesprächstermine auf Anfrage (Ansprechpartner im Email-Fuß)

BRAIN & MIND

Prof. Hans-Johann Glock (Schweiz) erforscht mit Partnern an den Universitäten Oldenburg und Bremen die Funktion von Normativität in der Gesellschaft. Regeln bestimmen fast jeden Aspekt unseres Lebens – ob Arbeitszeiten, Tischsitten oder Begrüßungsrituale. Die Bedeutung der Normativität wird in Disziplinen von Neurowissenschaften bis Kulturwissenschaften anerkannt, doch fehlt ein einheitliches Verständnis. Trotz der verbreiteten Ansicht, eine allgemeine Erklärung sei unnötig, schlägt Prof. Glock vor: Normen sind Maßstäbe (wie "DIN"), die drei unterschiedliche Formen annehmen können. Prof. Glock forscht auch zu der Frage, ob nur Menschen Normen haben und will so auch dazu beitragen, unsere Beziehung zu Tieren besser zu verstehen.

Asst. Prof. Dr. Sukrit Gupta (Indien) erforscht mit Partnern des Fraunhofer-Instituts für digitale Medizin (MEVIS) die Diagnostik von Knochenmarksfibrose. Sie ist entscheidend für die Diagnose von Blutkrankheiten, wird jedoch bisher mit teuren und zeitaufwendigen Färbungen von Gewebeschnitten mit Silber durchgeführt. Asst. Prof. Gupta möchte dieses Verfahren durch den Einsatz von KI individualisieren. So wird eine automatisierte, genaue Fibrose-Einstufung ohne teure Verfahren möglich. Das KI-Modell nutzt  dazu Patientendaten und Schweregradangaben für präzisere Ergebnisse. Das technische Werkzeug hilft Ärzten, indem es Kosten und Zeit spart und fortschrittliche Diagnostik besonders in ressourcenarmen Regionen zugänglich macht.

Prof. Dr. Peter Haddawy (Thailand) untersucht mit Partnern der Universität Bremen die Verbreitung von durch Insekten übertragene Krankheiten (z.B. Malaria, Dengue oder Zika) und KI-basierte Gegenmaßnahmen. Solche Erkrankungen nehmen weltweit zu, da der Klimawandel den Lebensraum der Tiere auf gemäßigte Regionen ausdehnt. Für eine effektive Bekämpfung solcher Krankheiten werden Vorhersagemodelle benötigt, die bedrohte Gebiete, Ausbreitungs-geschwindigkeit und Anfälligkeitsfaktoren identifizieren. Prof. Haddawy entwickelt daher einen flexiblen Modellierungsrahmen sowie elektronische Sensoren, die Mücken anhand von Flügelschlaggeräuschen zählen und klassifizieren können.

Dr. Olena Mykhailenko (Kanada) untersucht das Nutzungsverhalten von KI-Werkzeugen durch ukrainische Hochschullehrerinnen und -lehrer. Seit Beginn der russischen Invasion sind sie mit Raketenangriffen, Stromausfällen und Vertreibung konfrontiert. Trotzdem lehren sie weiter. Zugleich werden große Sprachmodelle (LLM) wie ChatGPT immer breiter verfügbar. Dr. Mykhailenko untersucht, wie Lehrende diese Tools nicht nur für konkrete Aufgaben, sondern auch zur Unterstützung geistiger Arbeit und Strukturierung des beruflichen Alltags nutzen. Die Forschungsergebnisse sollen dazu beitragen, Pädagoginnen und Pädagogen, die KI nutzen, besser zu vernetzen.

EARTH

Dr. Bryce Inman (USA) forscht mit Partnern vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, dem Alfred-Wegener-Institut und der Universität Bremen zu den Abbauprozessen von "Meeresschnee" in den Weltmeeren. In allen Ozeanen sinkt dieser Schleim aus Algen und abgestorbenen Zellen langsam auf den Meeresboden herab und kann CO2 über Jahrtausende in der Tiefsee speichern. Bisher war unklar, wie Sinkgeschwindigkeit und bakterieller Abbau sich gegenseitig beeinflussen. Eine von Dr. Inman neu entwickelte Mikroskopietechnik macht die 3D-Viskosität im Nanobereich sichtbar, um den Faktor des bakteriellen Abbaus mit jenen von Dichte und Sinkgeschwindigkeit zu verknüpfen.

Assoc. Prof. Dr. Carly D. Kenkel (USA) erforscht mit Partnern des Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg (HIFMB) das Erneuerungspotential von Korallenriffen in der Karibik. Karibische Korallenriffe sind entscheidende Knotenpunkte globaler Artenvielfalt, doch durch lokale und globale Bedrohungen vom Aussterben bedroht. Ein Verständnis der demografischen Faktoren, die zum Populationswachstum beitragen, ist unerlässlich, um die Fähigkeit zur Erholung der Populationen vorherzusagen. Am HWK entwickelt Dr. Kenkel Modelle, die dabei helfen, die Zusammenhänge zwischen Wachstum, Fragmentierung, Überleben und Fortpflanzung zu verstehen und wie diese die Erholung der Korallen fördern oder hemmen.

Dr. Irina Köster (USA) untersucht mit Partnern der Universitäten Oldenburg und Bremen und vom Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg (HIFMB) die Funktion ausgewählter organischer Moleküle im Meer. Organische Moleküle im Ozean (z.B. Vitamine, Hormone, Toxine, Antibiotika) bilden ein komplexes Gemisch, das Leben ermöglicht, Wechselwirkungen vermittelt und Nährstoffkreisläufe antreibt. Trotz ihrer Bedeutung ist ihre ökologische Rolle unter Klimawandel-Bedingungen noch kaum untersucht. Um sie zu verstehen, müssen Molekülstrukturen besser aufgeklärt werden. Dr. Köster untersucht, wie Umweltfaktoren das Entstehen und Vergehen dieser Moleküle beeinflussen. Sie möchte besser verstehen, wie der Klimawandel die chemischen Netzwerke des Ozeans neu gestaltet.

Dr. W. Christiaan Oosthuizen (Südafrika) forscht an tiergebundenen Sensoren zur Überwachung von Fischbeständen in den Weltmeeren. Im Südlichen Ozean ist der antarktische Krill die Hauptnahrungsquelle für Pinguine und Wale, aber auch Grundlage für zunehmende Fischerei. Das führt zunehmend zu Ressourcenkonflikten. Eine internationale Institution regelt die Krillfischerei, um auch für Raubtiere genug Nahrung sicherzustellen. Dr. Oosthuizens entwickelt tiergebundene Sensoren um zu verstehen, wann Pinguine in der Region Krill fangen – eine Schlüsselinformation für das Ökosystemmanagement. Seine Forschung trägt so zu einem nachhaltigen Management der antarktischen Krillfischerei bei.

TECHNOLOGY & SCIENCE

Prof. Dr. Somnath Bhattacharyya (Indien) untersucht mit Partnern der Universität Oldenburg den elektroosmotischen Fluss durch Nanoporen in verschiedenen Materialien. Für eine klimafreundliche und bezahlbare Energieversorgung werden neue Materialien benötigt, die chemische Reaktionen besonders effizient ermöglichen. Prof. Bhattacharyyas Projekt verbessert ein hochauflösendes Mikroskopieverfahren, mit dem sich solche Reaktionen direkt in Flüssigkeiten untersuchen lassen. Statt empfindlicher Messspitzen werden stabile Nanopartikel eingesetzt, die mithilfe elektrischer Strömungen gezielt eingefangen und befestigt werden. Computermodelle sollen die zugrunde liegenden Prozesse beschreiben und die Technik für den praktischen Einsatz optimieren.

Dr. Rogério A. Capobianco (Brasilien) forscht mit Partnern der Constructor University zu schwarzen Löchern. Meist werden diese Objekte des Universums isoliert untersucht, tatsächlich existieren sie jedoch meist in komplexeren Umgebungen: akkretierende Materie, Doppelsterne, externe Gravitations-/elektromagnetische Felder usw. Dr. Capobianco untersucht, wie externe Faktoren ihr Verhalten und die Teilchenbewegung beeinflussen. Sein Fokus liegt dabei auf kürzlich entdeckten Lösungen der Einstein-Feldgleichungen, die Rotation und elektromagnetische Felder kombinieren, um Teilchenbewegungen besser zu verstehen und so die geometrischen Raumzeiteigenschaften zu entschlüsseln. 

Prof. Dr. Enock Dare (Nigeria) erforscht mit Partnern des Fraunhofer IFAM in Bremen "smarte" funktionale Oberflächenbeschichtungen mit größerer Umweltverträglichkeit. Schutzbeschichtungen schützen Oberflächen vor strukturellem Verfall, doch traditionelle chemische Beschichtungen können ökologisch problematisch sein. Der Bedarf an nachhaltigen Verfahren für funktionale Beschichtungen mit „intelligenten“ und multifunktionalen Merkmalen ist groß. Das Projekt von Prof. Dare nutzt „Click“-Chemie, plasmainduzierte Oberflächenmodulation und biokompatibles POSS, um schaltbare, reversible Beschichtungen auf Substraten für Öl-Wasser-Trennung, Flüssigkeitsabweisung, antimikrobielle Eigenschaften und andere Fähigkeiten zu entwickeln, die ökologisch weit weniger problematisch sind.

Dr. Nico Lombardi (Italien) untersucht mit Partnern der Universität Bremen, wie sich das Volumen sogenannter konvexer Körper (Kugeln oder Würfel ohne Löcher/Vertiefungen) unter bestimmten Bedingungen verhält. Er möchte besser verstehen, wie sich das Volumen dieser Figuren verändert, wenn sie kombiniert werden, und wie sie sich auf Hyperflächen projizieren. Dazu untersucht er, was geschieht, wenn zwei konvexe Körper dieselbe Projektion aufweisen. Ziel ist es, ihr Zusammenspiel zu verstehen, um neue geometrische Eigenschaften aufzudecken, die in Mathematik, Informatik und darüber hinaus nützlich sein könnten.

SOCIETY

Dr. David Ciepley (USA) erforscht die Wechselbeziehung bestimmter Arten juristischer Körperschaften mit den sie begründenden Regierungssystemen. In der Geschichte westlicher Staatsführung gibt es ein kaum untersuchtes Paradoxon: Absolutistische Monarchen Europas gründeten überwiegend Körperschaften, deren Mitglieder Wahlrecht besaßen (z.B. Gilden, Universitäten), während moderne konstitutionelle Republiken überwiegend hierarchische Körperschaften gründeten, deren Mitglieder kein Wahlrecht besaßen (z.B. Unternehmen). Während sich der absolutistische Staat zur Republik wandelte, wurden republikanische Körperschaften autoritärer. In der Folge konzentrieren diese autoritären Körperschaften Macht und Reichtum, was die konstitutionelle Demokratie belastet. Dr. Ciepley arbeitet an einem Buch, in dem er die Geschichte dieser Umkehrung nachzeichnet und Reformenbemühungen untersucht.

Prof. Astrid Hedin (Schweden) erforscht mit Partnern der Universität Bremen den Zusammenhang des kommunistischen Wohlfahrtsstaats mit der ihn begründenden politischen Ideologie. Traditionell als Sozialvertrag mit universellen Sozialleistungen interpretiert, zeigen neuere Studien, dass kommunistische sozialpolitische Maßnahmen (z.B. Bildung, Wohnraum) selektiv und loyalitätsbasiert vergeben wurden. Trotz dieses Wissens fehlt ein theoretischer Rahmen, was zu irreführenden Vergleichen mit westlichen Wohlfahrtsstaaten führt ("skandinavische Sozialdemokratie ohne Demokratie"). Prof. Hedins Forschung zielt darauf ab, die Forschung wieder auf die einzigartigen autoritären Aspekte Wohlfahrtsstaaten nach sowjetischem Muster auszurichten und die Wechselbeziehung von Wohlfahrtsstaat und Regierungsform besser zu verstehen. 

Asst. Prof. Sarah Sokhey (USA) untersucht mit Partnern der Universität Bremen die Gründe für die hohe Effektivität regionaler Regierungen in der Ukraine seit der Invasion Russlands. Ihre Forschung untersucht, wie ukrainische Kommunalverwaltungen im Zuge von Dezentralisierung, Krieg und Pandemie lebenswichtige öffentliche Dienstleistungen aufrechterhalten konnten und welche Rolle Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft dabei spielen. Im Mittelpunkt stehen lokale Resilienz und ihre Bedeutung für den Wiederaufbau der Ukraine sowie Erkenntnisse für andere Konfliktregionen. Am HWK arbeitet sie auch an der Weiterentwicklung eines größeren Forschungsprojekts sowie einem Buchmanuskript und Fachartikeln. 

ARTS & LITERATURE

Mark Alpert (USA) arbeitet an einem Roman, der von den Meereswissenschaften in der Arktis handelt. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen einem Klima-Geoingenieur, der mithilfe von Unterwasserbarrieren das Abschmelzen arktischer Gletscher bremsen will, und einem Meeresmikrobiologen, dessen neu entdeckte Tiefseelebensform dadurch bedroht wird. Der Roman thematisiert die ethischen Zielkonflikte bei der Bekämpfung des Klimawandels. Am HWK sucht Mark Alpert den Austausch mit Forschenden aus der Meeres- und Klimawissenschaft und Autoren des "Fiction Meets Science"-Programms.

Pressekontakt

Bijan Kafi
Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/
Head of Communications

Hanse-Wissenschaftskolleg (Institute for Advanced Study)
Lehmkuhlenbusch 4
27753 Delmenhorst
E-Mail: Email
Fon: +49 (0) 4221 9160-171

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